Das Herz in Bewegung

Emotion ist Energie des Herzens. Sie kommt in den verschiedensten Gestalten, drückt sich aus in einer breiten Spannweite zwischen Angst und Wut, Kummer und Freude. Mal ist sie subtil, mal nahezu überwältigend.


Wie jede Energie kann sie, wenn sie in den richtigen Bahnen fließt, viel Gutes tun. Sie hilft uns zu erkennen, was uns nährt uns was nicht. Sie warnt uns vor möglichen Gefahren und bringt Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdruck. Und sie ist eine essenzielle Brücke zu unseren Mitmenschen, schafft sie doch die Möglichkeit sich in die Herzen anderer einzufinden, so dass Raum für Verständnis und Empathie entsteht. Emotion gehört zu unserer Lebendigkeit, wie die Regungen des Körpers und die Gedankenwelten des Geistes.


Wie jede Energie kann sie aber auch überwältigende oder gar zerstörerische Formen annehmen, wenn ihre Kräfte unkontrolliert walten. Die Kunst im Umgang mit Emotionen (und es ist es eine wahre Kunst) liegt darin, sich den Emotionen auf eine Weise anzunehmen, die ihre Schönheit, aber auch ihrer Kraft anerkennt und diese sinnvoll einzusetzen weiß.


Nur die Gefühlsregungen, die wir gerne erleben, erscheinen uns als erstrebenswert. Freude, Lust, Genuss, Frohsinn, Glück und Liebe bereichern uns. Allerdings sind sie nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was das Herz auszudrücken vermag.


Auf die unangenehmeren oder weniger intensiven Anteile reagieren wir in der Regel auf zwei Weisen: Entweder ignorieren wir sie, in der Hoffnung, sie mögen sich von selbst legen, oder wir verlieren uns in ihnen, lassen uns von ihnen fortragen.


Im ersten Fall wird unser Herz zum Dampfkessel. Was nicht gesehen und gehört werden kann, bekommt die Gelegenheit zu gären und Druck aufzubauen. Manche innere Regung vergeht in der Tat im Laufe der Zeit. Es kann hilfreich sein, nicht allem zu viel Bedeutung beizumessen. Aber es bedarf einer bedachten Entscheidung, nicht eines Wegschiebens, um dies auf heilsame Weise tun zu können. Ansonsten folgt mitunter ein heftiger Ausbruch und die festgehaltene Energie überträgt sich auf andere Lebensbereiche.


Sich von Unerwünschtem abzuwenden erzeugt aber nicht nur Leidensdruck. Es raubt uns auch ein Stück unserer Lebendigkeit. Denn wir können uns nicht teilweise abwenden. Taubheit, Desinteresse, Wegschauen, das trifft das Herz als Ganzes und nimmt uns die Fähigkeit uns vollständig zu freuen oder zur Ruhe zu kommen.


Der zweite ungünstige Umgang mit emotionaler Energie ist sich von ihrer Bugwelle forttragen zu lassen. Angst, Wut oder Verwirrung verstricken uns in die Geschichten, Ideen und Weltbilder, die sie mit sich bringen. Sie treiben unsere Gedanken vor sich her und im Kreis herum, bis Klarheit und Gelassenheit verloren sind.


Es gibt eine Alternative zu diesen beiden Extremen, einen mittleren Weg. In einer seiner bekanntesten Lehrreden sprach der Buddha davon in den Gemütszuständen nur Gemütszustände zu sehen.


Was meinte er damit? Er wies darauf hin, dass wir oftmals nicht im unmittelbaren Kontakt sind mit unseren Stimmungen, Gefühlen und Gemütsregungen. Vielmehr reagieren wir impulsiv auf die Energie, die mit ihnen einhergeht, lassen wir uns von ihr fortragen oder sperren sie weg. Was wir nicht in Erwägung ziehen, ist die Emotion als solche zu erkunden.

Was wir dann feststellen würden, wäre, dass ein Gefühl ein komplexes Zusammenspiel aus ganz verschiedenen Bestandteilen ist. Da zeigen sich körperliche Empfindungen, ein Impuls zur Handlung, Geschichten, Erinnerungen, Überzeugungen und alteingesessene Verhaltensmuster.


Sich diesem Komplex zu nähern ist eine Herausforderung. In seiner Vielschichtigkeit zieht er uns leicht hinein in einen weiteren Ritt auf dem Gedankenkarussell, auf dem wir schon so viele Runden gedreht haben. Daher reduzierte der Buddha eine Emotion auf handhabbare Portionen.


Wenn ich lediglich die körperlichen Facetten einer Emotion betrachte, mich ganz ihrem Ausdruck in Brust, Bauch oder Gliedmaßen widme, kann ich darin zur Ruhe kommen und vermag sie zu halten.


Wenn ich mich ganz dem Impuls widme und spüre, wie er mich anschiebt, wie er mir befiehlt zu handeln und zu tun, dann kann ich in dieser Beobachtung verweilen.

Ich vermag die typischen Gedankenmuster zu erkennen, die mit einer Herzensregung einhergehen und erkenne, dass sich immer wieder dasselbe Muster abspielt.


Achtsamkeit macht uns vertraut mit unseren Emotionen. Sie fragt nicht nach dem Warum, sie analysiert und repariert nicht. Sie ist. Und auf diese Weise vermögen wir es uns einer Emotion zuzuwenden, nehmen uns ihrer mit Freundschaft und Mitgefühl an. Dabei entsteht ein Raum, in dem die Energie gehalten werden kann, ohne dass sie uns aus dem Gleichgewicht bringt. In dieser Gelassenheit entsteht die Möglichkeit Lösungen zu finden, die wir ansonsten nicht erkennen würden.


Wer keine Angst hat vor dem eigenen Spüren und den Reaktionen des Herzens, der kann sich mit großer Freiheit durch das Leben bewegen. Der erfährt die Lebendigkeit, die sich ergibt, wenn Ängste wie Freude, Wut wie Glück, Verwirrung wie Gelassenheit zu Lehrmeistern werden in einem heilsamen Umgang mit Herz, Geist und Körper.



Übungen und Impulse zu diesem Thema biete ich gemeinsam mit Tineke Osterloh in einem Workshop zum Thema „Emotionen achtsam begegnen“ vom 21. – 23. Februar 2020 in Hamburg an. Weitere Informationen und Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.

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© 2019 by Ulla Koenig

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